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Als '''Behinderung''' bezeichnet man eine dauerhafte und gravierende Beeinträchtigung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Teilhabe bzw. Teilnahme einer Person. Verursacht wird diese durch die Wechselwirkung ungünstiger sozialer oder anderer Umweltfaktoren (Barrieren) und solcher Eigenschaften der Betroffenen, welche die Überwindung der Barrieren erschweren oder unmöglich machen.

Behinderung wird also nicht als ?, who.int, abgerufen am 11. Januar 2010.</ref>

Das Partizip ''behindert'', von dem die Personenbezeichnung ''Behinderte'' abgeleitet ist, kann also abhängig vom eigenen Blickwinkel oder Standpunkt benutzt werden:

Das niedersächsische Kultusministerium berücksichtigte 2017 die Sichtweisen beider Modelle, indem es feststellt: ?Eine Behinderung wird [?] als Ergebnis einer Wechselwirkung zwischen individueller Beeinträchtigung und Einschränkungen der gesellschaftlichen Teilhabe durch hemmende Faktoren oder Barrieren aufgefasst.?

Länderübergreifender Überblick

Kategorien und Ursachen

Der Wiener Universitätsprofessor Gottfried Biewer sieht in einem Lehrbuch fünf unterschiedliche Systematiken der Kategorisierung und Klassifizierung, die zu Differenzen beim begrifflichen Verständnis von Behinderung führen. So gäbe es medizinische Klassifikationen (ICD, DSM-5), pädagogische Behinderungsbegriffe, sonderpädagogische Kategorien, die Einteilung der OECD (disability, learning difficulties und disadvantages) und das bio-psychosoziale Modell (ICF) der WHO. Aktuell am gebräuchlichsten seien sonderpädagogische Zuschreibungen, bei denen Förderbedarfe bestimmten Entwicklungsbereichen zugeordnet werden (Sehen, Hören, geistige Entwicklung etc.). Das im Bildungsbereich verwendete Modell der OECD unterscheide zwischen Behinderungen mit organischen Ursachen (Kategorie A), Lernstörungen (Kategorie B) und Benachteiligungen aufgrund sprachlicher, sozialer und kultureller Gegebenheiten (Kategorie C). Im Unterschied zu diesen Kategorisierungssystemen stelle die ICF der WHO in erster Linie eine gemeinsame Sprache zur Beschreibung von Phänomenen dar.

Behinderung tritt nur im Zusammenspiel mehrerer ursächlicher Faktoren auf. Typische individuell-beeinträchtigende Merkmale eines Menschen (?Schädigung? oder ?Beeinträchtigung?) sind fehlende oder veränderte Körperstrukturen sowie chronische körperliche und psychische Krankheiten. In Verbindung damit können Umweltfaktoren als physikalische Barrieren, zum Beispiel in Form von Bordsteinen, Engstellen, Treppen, nicht barrierefreie Internetseiten oder eine naturbelassene Umwelt zu einer Behinderung eines Menschen führen. Ebenso ?behindernd? sind gesellschaftliche Barrieren etwa in Ausbildung, Arbeitswelt, Freizeit und Kommunikation, wenn sie zum Ausschluss von Menschen mit abweichenden Merkmalen führen.

Zur Frage, ob bzw. inwieweit die oben genannten Faktoren als diskriminierend bewertet werden bzw. bewertet werden müssten oder dürften, siehe ''Behindertenfeindlichkeit''.

Definitionen von Behinderung, die nur auf eine einzige Ursache abzielen, gelten als überholt.

Grundsätzlich lassen sich Behinderungszusammenhänge grob in folgende Bereiche kategorisieren:
Hinsichtlich der personenseitigen Ursachen lässt sich unterscheiden zwischen

Behinderungen können auch als Kombination aus mehreren Ursachen und Folgen auftreten (Mehrfachbehinderung, Schwerste Behinderung), oder weitere Behinderungen zur Folge haben, z. B. Kommunikationsbehinderung als Folge einer Hörbehinderung.

Einige Behinderungen werden gesellschaftlich überhaupt nicht als solche wahrgenommen, sondern gelten als Ausdruck mangelnder Selbstbeherrschung und Erziehung des Betroffenen. Dies gilt etwa für die ständigen Blähungen von Menschen, die nach einer Darmkrebsoperation die Bauhin-Klappe verloren haben oder die von CED betroffen sind. In einer vergleichbaren Situation befinden sich etwa die Betroffenen der Krankheit Morbus Tourette. Bei Behinderungen dieser Art sind soziale Behinderung und diskriminierende Ausgrenzung der Betroffenen besonders gravierend.

Definitionsversuche

{{Zitat

 |Text=Die UN-Behindertenrechtskonvention enthält keine genaue, abschließende Definition des Begriffs Behinderung, sondern legt vielmehr nur ein Verständnis von  dar und konkretisiert damit den persönlichen Anwendungsbereich der Konvention. Gemäß Artikel 1 Absatz 1 bezieht die UN-BRK alle Menschen ein, die langfristige körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, die sie in Wechselwirkung mit verschiedenen

(einstellungs- und umweltbedingten) Barrieren am vollen und gleichberechtigten Gebrauch ihrer fundamentalen Rechte hindern. Die BRK orientiert sich demgemäß am sozialen Verständnis von Behinderung.
 |Autor=Eibe Riedel
 |Quelle=Gutachten: ''Zur Wirkung der internationalen Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung und ihres Fakultativprotokolls auf das deutsche Schulsystem'', 2010.
 |ref=<ref>[[Eibe Riedel]]: [https://www.sovd.de/fileadmin/downloads/pdf/positionspapiere/Kurzfassung_Riedel-Gutachten.pdf ''Zur Wirkung der internationalen Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung und ihres Fakultativprotokolls auf das deutsche Schulsystem.''] Gutachten erstattet der Landesarbeitsgemeinschaft Gemeinsam Leben,

Gemeinsam Lernen Nordrhein-Westfalen in Projektpartnerschaft mit der Bundesarbeitsgemeinschaft Gemeinsam Leben, Gemeinsam Lernen und dem Sozialverband Deutschland (SoVD). Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse. Mannheim/Genf, 15. Januar 2010. Abgerufen am 30. Dezember 2018 (PDF).</ref>}}

Historische Definitionen

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden schwer behinderte Menschen als ?lebensunwertes Leben? bzw. als ?Ballastexistenzen? entwertet. Bereits 1920 hatten der Psychiater Alfred Hoche und der Jurist Karl Binding diese Begriffe in ihrer gemeinsamen Broschüre ''Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens'' geprägt und gefordert, die Gesellschaft müsse von ?geistig Toten? befreit werden. Derartige Gedankengänge wurden von den Nationalsozialisten nach deren Machtübernahme in die Praxis umgesetzt, indem sie behinderte Menschen sterilisierten und töteten. Aktion T4 ist eine gebräuchliche Bezeichnung für die systematische Ermordung von mehr als 70.000 Menschen durch SS-Ärzte und -Pflegekräfte.

Noch 1958 orientierte sich das Innenministerium der Bundesrepublik Deutschland ausschließlich an der Defizittheorie der Behinderung, der zufolge Behinderung eine persönliche Eigenschaft einzelner Menschen sei: ?Als behindert gilt ein Mensch, der entweder aufgrund angeborener Missbildung bzw. Beschädigung oder durch Verletzung oder Krankheit [?] eine angemessene Tätigkeit nicht ausüben kann. Er ist mehr oder minder leistungsgestört (lebensuntüchtig).?

Die Kategorie der ?Lebensuntüchtigkeit? stellt lediglich eine Abmilderung der nationalsozialistischen Kategorie des ?lebensunwerten Lebens?, aber keine vollständige Abwendung von ihr dar.

Aktuelle sozialrechtliche Definition in Deutschland

Im bundesdeutschen Recht wird die Behinderung im Sozialgesetzbuch IX (dort:

Um als Mensch mit Behinderung anerkannt zu werden und einen entsprechenden Ausweis zu erhalten, ist ein Antrag beim zuständigen Versorgungsamt erforderlich ( SGB IX); alles Weitere hierzu siehe unter Schwerbehindertenrecht (Deutschland).

Abgrenzung zu anderen Formen der ?Minderleistung?

Nicht jede Form des Kompetenzdefizits, die zu Einschränkungen der sozialen Teilhabe führt, wird im deutschen Sozialrecht als ?Behinderung? bewertet. Das trifft beispielsweise auf den Analphabetismus zu, wenn dieser nicht durch eine anerkannte andere Behinderung oder durch Krankheit verursacht ist. Das Landessozialgericht Berlin hat 2004 festgestellt:

{{Zitat|1. Die Fallgruppen, in denen vom BSG bisher die erhebliche Gefahr einer Verschlossenheit des Arbeitsmarktes angenommen wurde, können nicht auf vollschichtig leistungsfähige ungelernte Versicherte erweitert werden, denen der Zugang zum allgemeinen Arbeitsmarkt wegen Analphabetismus erschwert ist.

2. Analphabetismus, der nicht auf einer Krankheit oder Behinderung beruht, ist keine ungewöhnliche Leistungseinschränkung im Sinne der BSG Rechtsprechung, die bei einem ungelernten Versicherten mit vollschichtigem Leistungsvermögen für körperlich leichte Arbeiten, die Verpflichtung zur Benennung einer konkreten Verweisungstätigkeit auslöst.|ref=}}

Internationale Klassifizierung

Nachdem die Diagnosenklassifikation der ICD-10 (engl. ''International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems'', dt. ''Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme'') zur Behandlung von Krankheiten als nicht umfassend genug erkannt wurde, sollte in einer mehrachsigen Klassifikation unterschieden werden können zwischen den strukturellen Schädigungen, den funktionalen Störungen und den damit verbundenen sozialen Beeinträchtigungen. In den 1970er Jahren entwickelte die WHO mit der ''International Classification of Impairments, Disabilities and Handicaps'' (engl., dt. etwa ''Internationale Klassifizierung von Schädigungen, Funktions- oder Fähigkeitsstörungen und sozialen Beeinträchtigungen'', ICIDH) ein Einteilungsschema für Krankheiten und Behinderungen, das 1980 herausgegeben wurde. Seit 1993 wurde dieses Schema in der ICIDH-2 verändert und erweitert und 1997 als Beta-1-Draft für Feldversuche freigegeben; 2001 wurde der 2000 fertig gestellte Prefinal-Draft der ICIDH-2 weiter überarbeitet der WHO vorgelegt und als ''International Classification of Functioning, Disability and Health'' (dt. ''Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit'', ICF) verabschiedet. Hierin sind nicht mehr die Defizite einer Person maßgeblich, sondern die für die betreffende Person relevanten Fähigkeiten und die Teilnahme am sozialen Geschehen.

{| border="0" cellpadding="2" cellspacing="1"
! style="width:350px; background:#E8E8E8;"| '''ICIDH'''
! style="width:350px; background:#E8E8E8;"| '''ICF'''
|-
|style="background:#FFFFFF; text-align:center" |'''Impairment'''
Schäden einer psychischen, physischen oder anatomischen Struktur

|style="background:#FFFFFF; text-align:center" |'''Impairments'''
Beeinträchtigung einer Körperfunktion oder -struktur im Sinn einer wesentlichen Abweichung oder eines Verlustes
|-
|style="background:#FFFFFF; text-align:center" |'''Disability'''
Fähigkeitsstörung, die aufgrund der Schädigung entstanden ist
|style="background:#FFFFFF; text-align:center" |'''Activity'''
Möglichkeiten der Aktivität eines Menschen, eine persönliche Verwirklichung zu erreichen
|-
|style="background:#FFFFFF; text-align:center" |'''Handicap'''
soziale Benachteiligung aufgrund der Schäden und/oder der Fähigkeitsstörung (Behinderung)
|style="background:#FFFFFF; text-align:center" |'''Participation'''
Maß der Teilhabe an öffentlichen, gesellschaftlichen, kulturellen Aufgaben, Angelegenheiten und Errungenschaften
|-
|style="background:#FFFFFF; text-align:center" |/
|style="background:#FFFFFF; text-align:center" |'''Kontextfaktoren'''
physikalische, soziale und einstellungsbezogene Umwelt, in der ein Mensch das eigene Leben gestaltet
|}
(nach Barbara Fornefeld, 2002)

Beispielhaft für eine erweiterte Begriffsdefinition unter Einbeziehung der Umgebung ist die Formulierung Alfred Sanders: ''Behinderung liegt vor, wenn ein Mensch mit einer Schädigung oder Leistungsminderung ungenügend in sein vielschichtiges Mensch-Umfeld-System integriert ist''. Er führt Behinderung also nicht nur auf eine Schädigung oder Leistungsminderung eines einzelnen Menschen zurück, sondern auch auf die Unfähigkeit des Umfelds des betreffenden Menschen, diesen zu integrieren.

Schwierigkeiten der Definition

Diese Definition stößt teilweise an kulturelle Grenzen. Als ein Beispiel wäre die Gehörlosigkeit zu nennen. Diese wird von hörenden Menschen meist als Behinderung gesehen und viele Gehörlose würden sich dieser Definition wahrscheinlich anschließen.
Einige Gehörlose jedoch sind der Meinung, dass die Gehörlosen nicht behindert seien, sondern vielmehr als Mitglieder einer eigenen Kultur zu sehen seien, die über eigene Riten und Rituale verfüge. Der Versuch Gehörlose hörend zu machen oder Kinder mit ).

Die Befürworter von ).

Umgekehrt gibt es auch Stimmen, die in einer weiten Auslegung des Begriffs ?Behinderung? nicht nur Nachteile sehen. So weist z.?B. der ?Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Lernbehinderungen? darauf hin, dass es für Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf auch im Bereich Lernen vielfältige Unterstützungsmöglichkeiten und Formen der Berufsausbildung gebe. Während der Zeit der Berufsvorbereitung und Ausbildung würden ?Jugendliche mit Lernbehinderungen? ?schwerbehinderten Menschen? auch dann gleichgestellt, wenn der Grad der Behinderung weniger als 30 betrage oder ein Grad der Behinderung nicht festgestellt sei (§ 68 Abs. 4 SGB IX). Jugendliche mit ?Lernbehinderungen? erhielten deshalb spezielle Leistungen der Bundesagentur für Arbeit, nicht hingegen Jugendliche, die bloß als ?ohne Ausbildungsreife? eingestuft würden, ohne als ?behindert? zu gelten.

Begriffsdiskussion im deutschsprachigen Raum

Wolfgang Rhein wies in einem 2013 von der Konrad-Adenauer-Stiftung veröffentlichten Aufsatz darauf hin, dass im deutschen Sprachraum das Attribut ?behindert? vor Personenbezeichnungen bzw. die Substantivierung ?Behinderte? erst seit den 1980er Jahren in größerem Umfang verwendet worden seien. Noch 1958 habe es im (katholischen) ?lexikon für theologie und kirche? das Lemma ?Behinderte? nicht gegeben; dieses sei erst in der Ausgabe von 1994 aufgenommen worden.

2013 ersetzte ein ?Teilhabebericht? der Bundesregierung

{{Zitat
 |Text=Der Kern des Problems mit dem Begriff Behinderung ... liegt in der Unterscheidung von Menschen mit und ohne und damit in der Konstruktion von zwei unterschiedlichen Gruppen, von denen die eine als normal definiert ist und die andere als nicht normal.
 |Quelle=mittendrin e.V. (Hrsg.): ''Eine Schule für Alle ? Inklusion umsetzen in der Sekundarstufe.'' Verlag an der Ruhr, 2012, ISBN 978-3-8346-0891-8, S. 11: ''Wer will denn schon normal sein? ? Zum Begriff der Behinderung.''
 }}

{{Zitat
 |Text=Niemals würde ein Mathematiklehrer einen Tierpfleger wegen seiner wahrscheinlich nicht übermäßig vorhandenen Mathekenntnisse als behindert bezeichnen, eine Reinigungskraft bezeichnet einen Bauingenieur wegen wahrscheinlich fehlender Reinigungspraktiken nicht als behindert, und ein Dachdecker betitelt einen Gärtner nicht als behindert, weil er am Boden arbeitet. Diese Reihe an Beispielen ließe sich unbegrenzt fortsetzen. Betrachten wir die Sichtweise (behinderter Mensch ? nicht behinderter Mensch) doch einfach mal aus der umgekehrten Perspektive. Ich kenne keinen [[Contergan-Skandal|contergangeschädigten]] Menschen, der alle anderen, die nicht z.?B. mit den Füßen schreiben oder essen können, als behindert bezeichnet. Oder halten alle im Rollstuhl sitzenden Menschen die Läufer für behindert, weil sie nicht mit dem Rollstuhl umgehen könne? |Autor=Sofia Plich |Quelle= ''[[Mondkalb (Zeitung)|Mondkalb]]'' 1/2007, S. 7. |ref=}}

Es sind prinzipiell zwei Arten der Kritik an der Praxis zu unterscheiden, Menschen als ?Behinderte? zu bezeichnen
  1. Die auf die Semantik bezogene Kritik hebt darauf ab zu betonen, dass ?Behinderung? ein Konstrukt sei, das Beeinträchtigungen der verschiedensten Art in einem Sammelbegriff vereinige. Was Behinderung sei, müsse nominalistisch definiert werden. Letztlich hafte der Unterscheidung zwischen behinderten und nicht behinderten Menschen immer ein Element der Willkür an (vgl. den vor Gericht ausgetragenen Streit um die Frage, ob Analphabetismus eine Form der Behinderung sei). Auf keinen Fall sei der behinderte Mensch (wie es die Zweiteilung zwischen ?Behinderten? und ?Nicht-Behinderten? suggeriert) ?ganz anders? als die nicht behinderten Menschen.
  2. Die auf die die These auf, es sei ?nicht menschlich, [?] einen Einäugigen einäugig, einen Hinkenden hinkend und einen Schielenden schielend zu nennen.?
Anderes Sprechen als Ausdruck von Wertschätzung

Stefan Göthling, Geschäftsführer von ?Mensch zuerst? in Deutschland (Vermutlich ist diese Äußerung im Sinne der semantischen Kritik zu verstehen), fordert:
{{Zitat

 |Text=Ich möchte nicht als ?geistig Behinderter? bezeichnet werden. Das verletzt mich. Dazu hat kein Mensch das Recht. Bitte unterstützen Sie uns weiterhin dabei, gegen dieses Unrecht zu kämpfen. Ich bitte Sie: Erzählen Sie auch anderen Menschen von unserer Unterschriften-Liste. Damit der Begriff ''geistig behindert'' endlich abgeschafft wird. |Autor=Stefan Göthling |Quelle=Mensch zuerst ? Netzwerk People First Deutschland e.V.: ''1000 Unterschriften gegen den Begriff ?geistige Behinderung?.'' In: [http://www.people1.de/nachrichten/2008-06-19_.php people1.de, 19. Juni 2008]}}

Als Reaktion auf die pragmatische Kritik gibt es Bemühungen, Ersatzformulierungen für den Begriff ''Behinderung'' zu finden, die nicht diskriminierend und stigmatisierend wirken. Alte Begriffe im Wortfeld ?Behinderung? werden wegen eines Mangels an Passgenauigkeit und ihres Diskriminierungspotenzials in Frage gestellt und sollen durch Bezeichnungen ersetzt werden, die zeitgemäßer sein sollen. Die betreffenden Sprachreformer fordern, mit Sprache reflektierter und bewusster umzugehen, um hierdurch zu Veränderungen im Bewusstsein der Adressaten ihrer Ausführungen beizutragen.

Besonders bekämpft werden abwertend gemeinte Bezeichnungen, z.?B. ''es nahmen sie damit einen allgemein als abwertend empfundenen Ausdruck positiv-provozierend für sich in Anspruch.

Vom österreichischen Bundesministerium für soziale Sicherheit, Generationen und Konsumentenschutz wurde ein Buch herausgebracht, welches einen emanzipatorischen Sprachgebrauch nahelegt. Es finden sich folgende Beispiele

  • ''?behindertengerecht?'': besser ''?barrierefrei?''
(Barrierefreiheit ist für alle Menschen wichtig.)
  • ''?taubstumm?'': besser ''?gehörlos?''
(Gehörlos geborene Menschen können sprechen und verstehen sich als Angehörige einer Sprachminderheit.)
(Kleinwüchsige Menschen sind keine Angehörigen eines exotischen, dazu noch fiktiven Volkes)
  • ''?Pflegefall?'': besser ''?Pflegebedürftige Person?''
(Ein Mensch ist kein ?Fall?.)
  • ''?An den Rollstuhl gefesselt sein?'': besser ''?Einen Rollstuhl benutzen?''
(Ein Rollstuhl bedeutet keine Immobilität.)

Die von den österreichischen Behörden vorgeschlagenen Alternativen: ''?behinderter Mensch?'' statt ''?Behinderter?'' und ''?Down-Syndrom?'' statt ''?Mongolismus?'' werden ihrerseits wiederum kritisiert: Nur durch den Begriff ''?Mensch mit Behinderung?'' würden die Betreffenden nicht auf ihre Behinderung reduziert, und die Bezeichnung ''?Trisomie 21?'' sei besser als der Begriff ''?Down-Syndrom?'', weil der Begriff ?Syndrom? zu stark auf ?Krankheit? verweise. Allerdings sei er immer noch der Unterstellung vorzuziehen, die Betreffenden hätten sich angeblich in Mongolischstämmige, womöglich noch in einen ?primitiven Rassetypen? verwandelt, die in dem Begriff ?Mongolismus? mitschwinge.

Im deutschsprachigen Raum findet zudem das Projekt ''Leidmedien.de'' Beachtung in der überregionalen Presse, das vor allem Journalisten Handreichungen für die Berichterstattung über Menschen mit Behinderungen bieten möchte. Im Vordergrund steht hierbei die Vermeidung auch unbeabsichtigter Klischees, die beim Rezipienten ?Opfer?- oder ?Helden-Bilder? entstehen lassen können.<ref name="taz leidmedien">taz.de: ''?Blinde leben nicht in Dunkelheit?''</ref><ref name="zapp leidmedien"> In: ''ZAPP Medienmagazin.''</ref>

Bislang nicht durchgesetzt hat sich der Begriff ''kognitive Behinderung'' an Stelle der ''geistigen Behinderung'', da hierbei nur ein Wortteil vom Deutschen in eingedeutschtes Latein übersetzt wird.

Begrifflichkeiten im Englischen sind je nach amerikanischer oder britischer Definition unterschiedlich. Im Amerikanischen hat sich zunächst ?people with disabilities? durchgesetzt. Alternativ benutzen manche Menschen den Ausdruck ?people with special needs? (?Personen mit besonderen Bedürfnissen?). Ähnliche Begriffsschöpfungen gibt es auch im deutschsprachigen Raum, zum Beispiel im Ausdruck ?besondere Kinder?. Im Britischen ist der Begriff ?disabled people? gang und gäbe.

Anderes Sprechen als Ausdruck eines anderen Denkens und einer anderen Praxis

Der angestrebte Sprachwandel soll nicht nur dazu dienen, respektvoll über Menschen mit Behinderungen zu sprechen. Neue Begriffe sollen auch die Funktion haben, andere Denkweisen und andere Verhältnisse zu bezeichnen, die es anzustreben gelte.

So werde traditionell zwischen Menschen mit geistiger Behinderung bzw. kognitiver Beeinträchtigung und Menschen mit einer Lernbehinderung unterschieden, die entsprechend verschiedene Schultypen besuchen bzw. besucht haben. Durch den Begriff ?Menschen mit Lernschwierigkeiten? werde, so die Befürworter der Verwendung dieses Begriffs, der ?Tatsache? Rechnung getragen, dass eine saubere Trennung beider Gruppen nicht möglich sei.

Auch soll das Ideal der Inklusion (der Begriff stammt ursprünglich aus der Mathematik) nach dem Wunsch seiner Anhänger das weniger anspruchsvolle Ideal der Integration behinderter Menschen ablösen, weil das Bemühen um Inklusion der Gesellschaft eine höhere Verantwortung für die Einbeziehung betroffener Menschen mit all ihren Eigenarten zuweise, statt eine Anpassung zu verlangen bzw. von vornherein Leistungserwartungen zu reduzieren.

Kritik am angestrebten Sprachwandel

Versuche einer rein sprachlichen Regelung stoßen auch auf Kritik:

147?kB)</ref>

Die Wortneuschöpfungen unterlägen auf Dauer einer Bedeutungsverschlechterung ( wird auf den Begriff übertragen und nicht umgekehrt.

Auch störten an den Wortneuschöpfungen ihre Länge und ihr als euphemistisch interpretierbarer Charakter. So bezeichne ?Behinderung? den unschönen Sachverhalt, dass eine bestimmte Fähigkeit bei einem bestimmten Menschen ''fehle'', ?besondere? oder ?andere Befähigung? kann jedoch so aufgefasst werden, dass bei dem betreffenden Menschen ''zusätzliche'' Fähigkeiten vorhanden seien, die die meisten Menschen nicht hätten. Ebenso verschleiere die Verwendung des Wortfelds ?Beeinträchtigung?, dass bei Menschen mit einer Behinderung diese Beeinträchtigung nicht vorübergehender Natur sei (wie etwa bei einer Beeinträchtigung infolge eines gut heilenden Knochenbruchs).

Schließlich löse eine neue Bezeichnung nicht das Problem, dass viele die mit der Diagnose ''Behinderung'' einhergehenden Defizitzuschreibungen nicht akzeptieren. Eine Änderung des Wortes für die Diagnose ändere an diesem Sachverhalt nichts.

Problematisch ist Fix? Ansicht dahingehend, dass bei einer gleichgültigen Verwendung von Sprache jegliche Machtstrukturen und auch jeglicher Bedeutungswandel von Begrifflichkeiten unbetrachtet bleiben. So würde der Argumentation nach auch die Verwendung diskriminierender Fremdbezeichnungen wie ?; 147?kB)</ref>

 verweist.

Internationale Aktivitäten

Salamanca-Erklärung

Die Salamanca-Erklärung mit der Nennung der (ESP) stattfand:
{{Zitat
|Text=Das Leitprinzip, das diesem Rahmen zugrunde liegt, besagt, dass Schulen alle Kinder, unabhängig von ihren physischen, intellektuellen, sozialen, emotionalen, sprachlichen oder anderen Fähigkeiten aufnehmen sollen. Das soll behinderte und begabte Kinder einschließen, Kinder von entlegenen oder nomadischen Völkern, von sprachlichen, kulturellen oder ethnischen Minoritäten sowie Kinder von anders benachteiligten Randgruppen oder -gebieten.
|ref=
}}

Ein Prozess, der in Deutschland relativ unbeachtet blieb, war die Entstehung der ?Umfassenden und Integrativen Konvention zum Schutz und der Förderung der Rechte und Würde von Menschen mit Behinderung der Vereinten Nationen?. Seit 2002 fanden alljährlich zwei so genannte Ad-hoc-Treffen statt, auf denen nationale Vertreter, internationale Behindertenverbände und Nicht-Regierungs-Organisationen (NGO) die Inhalte dieser Konvention in New York verhandelten; ihr Ergebnis war das:

Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen

Am 13. Dezember 2006 beschlossen die Vereinten Nationen die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ? den ersten Menschenrechtsvertrag des 21. Jahrhunderts ? zum Schutz und zur Stärkung der Rechte und Möglichkeiten der weltweit auf 650 Millionen geschätzten Zahl von Menschen mit Behinderung. Die Länder, welche die Konvention unterzeichnen, verpflichten sich, diese in nationales Recht umzusetzen und bestehende Gesetze anzupassen. Im Übereinkommen werden unter anderem
  • gleiche Rechte in Bildung, Arbeitswelt, kulturellem Leben,
  • das Recht an eigenem und ererbtem Besitz,
  • das Verbot der Diskriminierung in der Ehe,
  • das Recht auf Kinder in Verbindung mit dem Verbot einer Sterilisation aufgrund einer Behinderung,
  • das Verbot von Experimenten an Menschen mit Behinderung sowie
  • Barrierefreiheit in einem umfassenden Sinn gefordert. Dazu gehört auch die Berücksichtigung der Entstehung neuartiger Barrieren durch den Fortschritt in Wissenschaft und Technik.<ref name="aichele">Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft: ''Das Innovationspotential der UN-Behindertenrechtskonvention.'' Vortrag von Valentin Aichele am 16. April 2008.</ref>

Österreich und Deutschland unterzeichneten das Übereinkommen und das Zusatzprotokoll am 30. März 2007. In Österreich wurde das Übereinkommen am 26. Oktober 2008 ratifiziert. Seit 26. März 2009 ist die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen und ihr Fakultativprotokoll nun auch für Deutschland verbindlich.

Deutschland, Liechtenstein, Österreich und die Schweiz hatten dabei fast ohne die Beteiligung von Betroffenen und deren Verbänden eine deutsche Übersetzung der Konvention abgestimmt. Alle Bemühungen entsprechender Organisationen in diesen Staaten zur Beseitigung von erkannten groben Fehlern scheiterten. So wurde z.?B. der im Original der Konvention verwendete englische Begriff ''Inclusion'' irreführend mit ''Integration'' übersetzt.

Dies führte zur Erstellung einer so genannten Schattenübersetzung. Unter dem Aspekt, dass entsprechende Wortwahl zur Bewusstseinsbildung beiträgt, wurde eine deutschsprachige Fassung bereitgestellt, die der Originalfassung näher kommt als die offizielle deutsche Übersetzung. Die gemäß der Konvention in allen Phasen der Umsetzung und Überwachung einzubeziehenden Betroffenen mit ihren Organisationen waren an der Erstellung dieser Fassung beteiligt.

1. WHO-Weltbericht zur Behinderung ? ''World report on disability''

Im Juni 2011 veröffentlichte die Weltgesundheitsorganisation ''WHO'' den 1. weltumfassenden ''Bericht zur Behinderung''.

Eine seiner zentralen Forderungen ist es, Inklusion vor allem im Bereich der Bildung in nachhaltige Konzepte einzubetten.
{{Zitat

 |Text=Bildung sei auch der Schlüssel zum ersten Arbeitsmarkt, so der Bericht weiter, der für Menschen mit Behinderung durch Vorurteile und Ignoranz, mangelnde Bereitstellung von Dienstleistungen sowie berufliche Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten jedoch weitgehend verschlossen bliebe.
 |Quelle=[http://www.aktion-mensch.de/presse/pressemitteilungen/detail.php?id=475 aktion-mensch.de, Pressemitteilung, 10. Juni 2011, ''Inklusion'': ''Der WHO-Bericht hat enorme politische Sprengkraft''] (10. Juni 2011)
 }}

Nach wie vor blieben die Betroffenen bei den sie selbst betreffenden Entscheidungsprozessen außen vor.

Dabei sei Behinderung {{Zitat
 |Text=nicht nur eine medizinische, sondern vor allem eine komplexe sozialpolitische Erscheinung.
 |Quelle=wie vor
 }}

Vielfach sei Behinderung {{Zitat
 |Text=sowohl die Ursache als auch die Konsequenz von Armut.
 |Quelle=wie vor
 }}

Menschen mit Behinderung seien weltweit schlechteren gesundheitlichen und sozioökonomischen Bedingungen ausgesetzt. Frauen, Senioren und Menschen in ärmeren Haushalten seien überproportional betroffen. Somit sei Behinderung nicht ? wie vielfach angenommen ? ein Randgruppen-Phänomen. Zahlen und der Bericht machten deutlich, dass Behinderung in unserer älter werdenden Gesellschaft alle angehe, so die Aktion Mensch. Dies erfordere mehr Engagement von jedem Einzelnen. Engagement, von dem dann auch zukünftige Generationen profitieren könnten.

Die WHO verabschiedete im Mai 2001 das Recht auf selbstbestimmtes Leben für Schwerbehinderte. Dieses Recht ist vor der UN einklagbar. Es fand in der europäischen und deutschen Gesetzgebung nach der Ratifizierung (2008) im Jahr 2009 Eingang in das deutsche Sozialgesetzbuch. Im IHP3-Handbuch zur individuellen Hilfeplanung des Landschaftsverbandes Rheinland wurde ein trägerübergreifendes persönliches Budget für Schwerbehinderte definiert. Das IHP3 basiert auf den Richtlinien des aktualisierten SGB aus dem Jahr 2009.

Europäischer Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung

Der 5. Mai eines Jahres wurde auf Initiative von Disabled Peoples International erstmals 1992 zum ''Europaweiten Protesttag zur Gleichstellung behinderter Menschen'' erklärt. Seitdem wird europaweit an diesem Tag mit Demonstrationen und anderen Aktionen, mit Fachveranstaltungen usw. gegen Diskriminierung und Benachteiligung und für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen in allen Lebensbereichen mobilisiert. Er steht jedes Jahr unter einem anderen Schwerpunkt:
  • 2012: ''Inklusion ? Dabei sein! Von Anfang an!''
  • 2011: ''Inklusion beginnt im Kopf!''

Länderspezifische Situation

Deutschland

Anzahl der Menschen mit Behinderung

Nach Angaben des statistischen Bundesamtes lebten 2007 (Stand 31. Dezember) in Deutschland 6.918.172 Menschen mit Schwerbehindertenstatus. Ein hoher Anteil von ihnen (54,29 %) sind ältere Menschen über 65 Jahre. 20,39 % umfassen die Altersgruppen von 55 bis unter 65 Jahre, 21,31 % von 25 bis unter 55 Jahre. Die restlichen 4 % sind unter 25 Jahre alt. 64,3 % der Behinderungen werden von dieser Statistik als ?körperliche Behinderung? und 9,9 % als ?geistig-seelische? Behinderung eingeordnet. 82,3 % der Behinderungsursachen seien durch Krankheit, 2,2 % durch Unfälle erworben. Von den nicht volljährigen Personen in Deutschland sind in jedem Altersjahrgang etwa 9.000 Personen schwerbehindert: Insgesamt 160.154, davon 49.470 durch angeborene Behinderung, 715 durch Unfall, 92.645 durch Krankheit, 17.315 durch andere Ursachen.

Bei den 25?35-Jährigen ist jeder 48. schwerbehindert. Die Wahrscheinlichkeit schwerbehindert zu sein steigt mit dem Alter an, sie liegt im Alter von 60 bis 75 Jahren bei 15 bis 20 %, im Alter von 80 Jahren liegt sie bei 30 %.<ref name="fs13"></ref>

Zum Jahresende 2017 wurden insgesamt 7,8?Millionen schwerbehinderte Menschen in Deutschland statistisch erfasst; das waren etwa 151.000 oder 2&thinsp;% mehr als zwei Jahre zuvor. Der Anteil an der Gesamtbevölkerung betrug 9,5&thinsp;%. 51&thinsp;% der Schwerbehinderten waren Männer, 49&thinsp;% Frauen. 78&thinsp;% waren ältere Menschen ab 55 Jahren. Gegenüber der Erhebung 10 Jahre zuvor hat sich der Anteil der durch Krankheit erworbenen Behinderungen auf 88&thinsp;% erhöht.

Statistische Mängel

Die erwähnten Statistiken erfassen nur Personen, die den rechtlichen Status eines Schwerbehinderten (Grad der Behinderung mindestens 50) und den damit verbundenen Schwerbehindertenausweis nach den Kriterien der AHP und sonstigen gesetzlichen Regelungen auf Antrag erhalten ''haben'', nicht jedoch alle, die ihn beantragen ''könnten''. Weil es keine ?Meldepflicht? für diese berechtigten Personen gibt, lässt sich die tatsächliche Zahl der behinderten Menschen im oben genannten Sinn nur schätzen, wobei häufig die Zahl von 10 % der Gesamtbevölkerung genannt wird. Nationale und internationale Schätzungen unterscheiden sich erheblich, da eine einheitliche und international verbindliche Definition von ?Behinderung? nicht existiert.

Situation der Familien

Die Datenlage zur Situation von Familien mit behinderten Kindern ist ? zumindest in Deutschland ? relativ dünn.
Eine solche Untersuchung wurde in 16 Modellregionen ? eine je Bundesland ? bei insgesamt knapp 1000 Familien durchgeführt, in denen ein behindertes Kind lebt:

Bei den befragten Familien
  • gab es überdurchschnittlich viele allein erziehende Frauen;
  • lag die Zahl der Kinder im Durchschnitt deutlich höher als im Bundesdurchschnitt;
  • stellte die Betreuung und Förderung des behinderten Kindes einen sehr großen Anteil der zu leistenden Familienarbeit dar, denn es benötigte pro Tag im Durchschnitt viele Stunden mehr Hilfe als ein nicht behindertes Kind gleichen Alters.
  • war die Aufgabenverteilung nach wie vor geschlechtsspezifisch: zumeist übernehmen die Mütter den Großteil der anfallenden Familienaufgaben;
  • waren die Mütter weniger häufig erwerbstätig als im Durchschnitt;
  • war die Mehrheit der Mütter mit ihrer zeitlichen Situation überwiegend zufrieden, ein kleinerer Teil voll und ganz zufrieden;
  • äußerte sich die Mehrzahl der Mütter mit dem Umfang ihres Zeiteinsatzes für die Betreuung der anderen Kinder zufrieden;
  • äußerten die Mütter auf Nachfrage aber den Wunsch nach mehr Arbeitsteilung in der Familie; sie würden ihren eigenen Zeiteinsatz für die Betreuung des behinderten Kindes und die Hausarbeit gern verringern und wünschen sich mehr Zeit für Freizeit und Erwerbstätigkeit.

Von herausragender Bedeutung für die Entlastung von Familien mit behinderten Kindern sind die '' ?1?, seit Juni 2008 auch in die so genannte Pflegestufe ?0? eingestuft wurde.

Die ehemalige Behindertenbeauftragte Karin Evers-Meyer sieht ein soziales Risiko für Familien mit Kindern, die eine Behinderung haben: ?Familien mit Kindern mit Behinderung haben in Deutschland ein doppelt so hohes Armutsrisiko wie Familien mit Kindern ohne Behinderung.?<ref name="Entscheidung zur PID"></ref>

Traditionelle karitative Einrichtungen

Seit dem späten 18. Jahrhundert dienten vor allem kirchliche und andere karitative Einrichtungen dazu, behinderte Kinder und Erwachsene von der Gesellschaft zu isolieren. Seit dem 19. Jahrhundert wurde Pflege und schulische Förderung staatliche Aufgabe.

Anfangs fand die angebliche Unterstützung von behinderten Menschen überwiegend in dafür spezialisierten Einrichtungen wie Sonderschulen, Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM), Internaten oder Heimen statt. Kritiker nehmen an, dass sich diese Aussonderung in fast allen Fällen gegen die behinderten Menschen richtet.

Inzwischen ist die Landschaft der Einrichtungen und der Konzepte des Abbaus von Barrieren breit aufgefächert, was auch Ergebnis der lebendigen politischen und wissenschaftlichen Diskussion der letzten Jahrzehnte ist.

Gesetzliche Vorgaben

Durch die neuere Gesetzgebung ist die Gesellschaft aufgefordert, Strukturen zur Unterstützung von Menschen mit Behinderung zu schaffen. In Deutschland findet dies Ausdruck in Artikel?3 Abs.?3 Satz?2 des Grundgesetzes: ?Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden?.

Dieses Prinzip muss vom Staat in der Gesetzgebung, der Verwaltung und bei der Rechtsprechung berücksichtigt werden. So finden sich zahlreiche Regelungen zum Nachteilsausgleich und zum Schutz der Rechtsposition von Menschen mit Behinderung u.?a. im Sozialrecht, im Steuerrecht, im Arbeitsrecht oder auch in Bauvorschriften, hier insbesondere zum Thema Barrierefreiheit. Die besonderen Interessen von behinderten Arbeitnehmern werden von der Schwerbehindertenvertretung bzw. von der Vertrauensperson wahrgenommen. Die Leistungen der Rehabilitation (Leistungen zur Teilhabe) sind in den Büchern des Sozialgesetzbuchs verankert, insbesondere im SGB IX. Für zahlreiche Behinderte ist auch die Pflegeversicherung (SGB XI) von großer Bedeutung für die Finanzierung nötiger Hilfen.

Konzepte, Maßnahmen und Einrichtungen der Behindertenhilfe setzen schon bei Kleinkindern (Frühförderung) an und gehen weiter über verschiedene Maßnahmen für Kinder und Jugendliche, insbesondere in den Fachgebieten der Sonderpädagogik, der Heilpädagogik und der Rehabilitationspädagogik. Auch für Erwachsene existieren Leistungsansprüche und Hilfsangebote im Bereich der Eingliederungshilfe im Alltag, im Beruf sowie im Bereich der medizinischen Rehabilitation. Behinderung kann bei Volljährigen unter bestimmten Umständen zur Anordnung einer rechtlichen Betreuung ( BGB) führen.

Behindertenspezifische Regelungen sind notwendig in allen Lebensbereichen.

Einzelne Gesetze
  • ''Jenseits der Stille'' (Spielfilm, Deutschland, 1996). Ein Kind gehörloser Eltern entdeckt die Musik und wird erwachsen ? ein Film über das Leben, die Liebe und den Klang des Schnees. Nominiert für den Oscar.
  • ''Idioten'' (Spielfilm, Dänemark, 1998) von Lars von Trier setzt sich kontrovers mit dem gesellschaftlichen Bild von geistig Behinderten auseinander.
  • ''Vom Fliegen und anderen Träumen'' (Spielfilm, Großbritannien, 1998) Helena Bonham Carter spielt eine ALS-Kranke, die im Supermarkt klaut und ihre Unschuld verlieren will.
  • ''Ganz normal verliebt'' (Originaltitel: ?The Other Sister?). Spielfilm, USA, 1999. Über die Probleme eines geistig behinderten Paares. Mit Juliette Lewis, Giovanni Ribisi, Diane Keaton.
  • ''Ich bin Sam'' (Spielfilm, USA, 2001). Sean Penn als geistig behinderter Vater.
  • ''Elling'' (Spielfilm, Norwegen, 2001) mit Per Christian Ellefsen und Sven Nordin.
  • ''Verrückt nach Paris'' (Spielfilm, Deutschland 2002) ist ein von Menschen mit Behinderung in den Hauptrollen gespieltes Roadmovie über das Thema Wahrnehmung und Selbstdarstellung von Behinderung, Freundschaft, Liebe.
  • Die Handlung von ''Elling ? Nicht ohne meine Mutter'' (Spielfilm, Norwegen 2003) spielt noch zu Lebzeiten von Ellings Mutter und somit vor dem Film ''Elling''.
  • ''Talking with Angels'' (Gespräche mit Engeln), von Yousuf Ali Khan. (Kurzfilm, Großbritannien, 2003).
  • ''Erbsen auf halb 6'' (Spielfilm, Deutschland, 2004). Roadmovie über Blinde mit Fritzi Haberlandt.
  • ''Inside I?m Dancing'' (Spielfilm, Irland, 2004). Buddy-Movie über den Versuch zweier körperlich behinderter junger Männer, selbstbestimmt zu leben.
  • ''Contergan'' (Spielfilm, Deutschland, 2007), in dem der Contergan-Skandal aufgearbeitet wird. Die körperlich behinderte Schauspielerin Denise Marko spielt das Contergan-geschädigte Mädchen Katrin. Sie selbst weist durch ihr Amniotisches-Band-Syndrom ein Contergan-ähnliches Krankheitsbild auf.
  • ''Der Geschmack von Schnee (Originaltitel: Snow Cake)'' (Spielfilm, UK/Kanada 2006). Sigourney Weaver als Autistin, deren Tochter bei einem Verkehrsunfall stirbt und die später mit dem überlebenden Fahrer befreundet ist.
  • ''Schmetterling und Taucherglocke'' (Spielfilm, Frankreich/USA 2007). Beruht auf der Biografie des infolge eines Schlaganfalls am Locked-in-Syndrom erkrankten Jean-Dominique Bauby, die dieser allein mit dem Lidschlag seines linken Auges Buchstabe für Buchstabe diktiert hat.
  • ''Hasta la vista'' (Spielfilm, Niederlande, 2011). Drei junge Männer fahren auf eigene Faust nach Spanien, um in einem Bordell ihr ?Erstes Mal? zu erleben.
  • ''Ziemlich beste Freunde'' (Spielfilm, Frankreich 2011). Geschichte des querschnittgelähmten vermögenden Philippe und seines Assistenten Driss, die gemeinsam den Spaß am Leben entdecken (beruht auf einer wahren Begebenheit).

TV-Sendereihen

Dokumentarfilme

  • Behinderte Zukunft, Regie: Werner Herzog, 62 Min., Deutschland 1971.
  • ''SHAMELESS: The ART of Disability'', Regie: Bonnie Sherr Klein, 72 Min., Kanada 2006.
  • ''Schade, dass wir etwas besonderes sind ? Das Leben mit einem behinderten Partner'', Regie: Anita Read, 18 Min., Deutschland 2008.

Filmfestival

  • Internationales Kurzfilmfestival ?Wie wir leben?

Sportveranstaltungen

Beispiele für Sportveranstaltungen im Behindertensport sind:

Zitate

  • ?Im Grunde sind alle Menschen behindert, der Vorzug von uns Behinderten allerdings ist, dass wir es wissen.? ? ''Wolfgang Schäuble über sein Leben im Rollstuhl, Focus Nr. 12/2006''
  • ?Wenn Arbeit alles wäre, gäbe es keinen Lebenssinn für Behinderte, keinen mehr für Alte und noch keinen für Kinder.? ? ''Norbert Blüm, Unverblümtes von Norbert Blüm''

Siehe auch

Veröffentlichungen

  • Gottfried Biewer: ''Grundlagen der Heilpädagogik und Inklusiven Pädagogik.'' 3., überarb. u. erweit. Auflage. Klinkhardt (UTB), Bad Heilbrunn 2017, ISBN 978-3-8252-4694-5.
  • Günther Cloerkes: ''Soziologie der Behinderten. Eine Einführung''. 3., neu bearb. und erw. Auflage. Heidelberg 2007, ISBN 978-3-8253-8334-3.
  • Walter Fandrey: ''Krüppel, Idioten, Irre: zur Sozialgeschichte behinderter Menschen in Deutschland''. Silberburg-Verlag, Stuttgart 1990, ISBN 3-925344-71-3.
  • Beate Firlinger (Hrsg.): ''Buch der Begriffe. Sprache, Behinderung, Integration''. Integration: Österreich. Bundesministerium für soziale Sicherheit, Generationen und Konsumentenschutz. Wien 2003.
  • Barbara Fornefeld: ''Einführung in die Geistigbehindertenpädagogik''. München/ Basel 2002.
  • Rudolf Forster, Volker Schönwiese: ''Behindertenalltag ? wie man behindert wird.'' In: bidok.uibk.ac.at (20. Juni 2012)
  • Ch. Fürll-Riede, R. Hausmann, W. Schneider: ''Sexualität trotz(t) Handicap''. Thieme-Verlag, Stuttgart 2000, ISBN 3-13-118211-3.
  • Gisela Hermes: ''Behinderung und Elternschaft ? kein Widerspruch''. Ag Spak, Neu-Ulm 2004, ISBN 3-930830-46-9.
  • Bernhard Knittel: ''SGB IX Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen ? Kommentar.'' Loseblattwerk. Verlag R. S. Schulz, Stand: 1. April 2008, ISBN 978-3-7962-0615-3.
  • Klaus Lachwitz: ''Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderung.'' In: ''BtPrax.'' 2008, S. 143.
  • Erich Lenk: ''Behinderte Menschen.'' In: Deutscher Verein für Öffentliche, Private Fürsorge (Hrsg.): ''Fachlexikon der sozialen Arbeit.'' 6., völlig überarb. und aktualisierte Auflage. Baden-Baden 2007, ISBN 978-3-8329-1825-5, S. 100?101.
  • Martin Löschau, Andreas Marschner: ''Das neue Rehabilitations- und Schwerbehindertenrecht''. Neuwied 2001.
  • ''Alter und Behinderung.'' In: Deutsches Zentrum für Altersfragen e.?V. (Hrsg.): ''Expertisen zum ersten Altenbericht der Bundesregierung ? IV. Angebote und Bedarf im Kontext von Hilfe, Behandlung, beruflicher Qualifikation.'' (= ?Weiße Reihe? des Deutschen Zentrums für Altersfragen e.V.). Berlin 1993, ISBN 3-88962-117-1, S. 359?417.
  • Reinhard Markowetz, Günther Cloerkes (Hrsg.): ''Freizeit im Leben behinderter Menschen: theoretische Grundlagen und sozialintegrative Praxis''. Edition S, Heidelberg 2000, ISBN 3-8253-8262-1.
  • Heidrun Metzler, Elisabeth Wacker: ''Behinderung.'' In: Otto, Hans-Uwe, Thiersch, Hans (Hrsg.): ''Handbuch Sozialarbeit, Sozialpädagogik.'' 3. Auflage. München/ Basel 2005, ISBN 3-497-01817-1, S. 118?139.
  • Christian Mürner, Udo Sierck: ''Behinderung ? Chronik eines Jahrhunderts.'' 1. Auflage. Beltz Juventa, Weinheim 2012, ISBN 978-3-7799-2840-9.
  • Lisa Pfahl: ''Techniken der Behinderung. Der deutsche Lernbehinderungsdiskurs, die Sonderschule und ihre Auswirkungen auf Bildungsbiografien''. transcript, 2011, ISBN 978-3-8376-1532-6.
  • (Hrsg.): ''Not sehen und handeln (Caritas)''. Freiburg/Br. 1996
  • Andreas Rett: ''Kinder in unserer Hand ? Ein Leben mit Behinderten.'' ORAC, Wien 1990, ISBN 3-7015-0178-5.
  • Karl Friedrich Schlegel: ''Der Körperbehinderte in Mythologie und Kunst''. Stuttgart 1983.
  • Felix Welti: ''Behinderung und Rehabilitation im sozialen Rechtsstaat''. Mohr Siebeck, Tübingen 2005, ISBN 3-16-148725-7.
  • Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Referat Information, Publikation, Redaktion (Hrsg.): ''Ratgeber für Menschen mit Behinderung. Ausgabe 2013''. Bonn 2013 (Stand: Januar 2013. Bei den einzelnen Gesetzen steht der Rechtsstand immer am Anfang)
  • taz.de, Sonderausgabe zum Welttag der Menschen mit Behinderung, 2. Dezember 2016: ''taz.mit behinderung''

Weblinks

Einzelnachweise